Geschichte

Protestantismus in Reutlingen

 

Unter dem Einfluss des Reutlinger Predigers Matthäus Alber (1495–1570) wandte man sich in Reutlingen früh der Lutherischen Lehre zu. Mit dem berühmten Markteid von Mai 1524 zwangen die Bürger die Obrigkeit, an dem neuen Glauben festzuhalten. Neben Nürnberg unterzeichnete Reutlingen als einzige Reichsstadt 1530 das protestantische Glaubensbekenntnis, die Confessio Augustana. Nach den unheilvollen Folgen des sogenannten Schmalkaldischen Kriegs (1546/47) gewann die Lehre Luthers mit dem Augsburger Religionsfrieden (1555) endgültig die Oberhand. Bis zum Ende des Bestehens als Reichsstadt (1802) blieb in Reutlingen die Anerkennung der Augsburger Konfession Voraussetzung für den Erwerb des Bürgerrechts [Quelle: www.reutlingen.de].

 

Die Zeit vor der Gründung der Kreuzkirchengemeinde

 

Bis zur Gründung unserer Gemeinde war das heutige Gebiet der neu entstandenen Kreuzkirchengemeinde der 2. Gemeindebezirk der Leonhardskirche und wurde vom dortigen Pfarrer betreut. 1929 war Pfarrer Heinrich Lang der erste Pfarrer dieses 2. Bezirks. Im Dritten Reich und während der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat er die Gemeinde betreut und sich dabei nicht gescheut, als einer der wenigen Pfarrer gegen die Ideologie des Nationalsozialismus anzugehen, was ihm auch Schwierigkeiten einbrachte.

 

Als Treffpunkt der Gemeinde diente in dieser Zeit der Gemeinde das Haus Bethanien in der Friedrich-Ebert-Straße 50, das vom damaligen Jungfrauenverein im Jahr 1929 gebaut wurde. In der Zeit des Dritten Reiches wurde das Haus der Kirchengemeinde überschrieben. Dort fanden Konfirmandenunterricht und Bibelstunden statt und während des Krieges wegen drohender Luftangriffe auch 14-täglich Gemeindegottesdienste.

 

 

Aus dem Jubiläumsheft zum 50-jährigen Gemeindejubiläum (2008)

 

Das Jahr 2008 ist Jubiläumsjahr in unserer Kirchengemeinde: Seit dem 15. Januar 1958 besteht unsere Kreuzkirchengemeinde als selbständige Kirchengemeinde - hervor gegangen aus dem Bezirk II der Leonhardsgemeinde, der zunächst von der Echaz bis zur Alteburgstraße reichte. Die evangelischen Christen auf dem Bloßbuckel - der Bezirk Kreuzkirche III -  gehörten damals und noch längere Zeit zur Christuskirche.

 

Mittelpunkt des Gemeindelebens in diesem Gemeindebezirk Leonhard II war das 1929 gebaute “Haus Bethanien” des Jungfrauenvereins in der Friedrich-Ebert-Straße 50. Während der Zeit des Nationalsozialismus übergab der Verein das Haus der Kirchengemeinde. Bis heute ist dieses Haus Pfarrhaus für die Pfarrer auf der Stelle Kreuzkirche I und seit 2004 ist dort das Ge­meindebüro der Kreuzkirchengemeinde untergebracht.

 

“Unterricht und Bibelstunden” fanden hier statt, später - zunächst 14-täglich, nach dem Krieg dann sonntäglich - auch Gottesdienste. Irgendwann wurde es allerdings zu eng: “Der Raum ist uns im Gottesdienst lieb geworden” schrieb Pfarrer Lutz in dem 1959 erschienenen Heft über die neu gegründete Kreuzkirchengemeinde, “wenn er auch mit seinen etwa 100 Sitzplätzen je länger desto mehr eng wurde.” Denn: “Die Gemeinde wuchs” - nach der Währungreform 1948 “kam das große Bauen”. Und die Leonhardsgemeinde wurde in drei Bezirke eingeteilt: einige Straßen unten an der Echaz gehörten nun nicht mehr zu Leonhard II, dafür kamen viele Men­schen im Ringelbachgebiet zur Gemeinde.

  

Etwas zugespitzt könnten wir im Rückblick sagen: “Am Anfang war ein Kindergarten ...”. Das erste Bauprojekt der Gemeinde war - der Kindergarten in der Payerstraße 11 für 50 Kinder. Im Mai 1951 eingeweiht war er sehr schnell wieder zu klein, so dass bereits anderthalb Jahre später im Oktober 1952 ein weiterer und größerer Kindergarten mit 75 Plätzen eingeweiht wurde. Er entstand auf dem Grundstück Payerstraße 6 - der heutige Kindergarten “Arche”.

 

Heute hat unsere Kirchengemeinde drei Kindergärten: neben der “Arche” den Kindergarten “Sonnenschein” in der Ganghoferstraße und den Kindergarten “Regenbogen” in der Herder­straße. Bis heute genießt die Kindergartenarbeit bei uns einen hohen Stellenwert und wir können stolz sein auf die hervorragende Arbeit der engagierten Erzieherinnen-Teams in allen drei Einrichtungen. Aus unserer Geschichte erwächst die Verantwortung, dafür zu arbeiten, dass unserer Kindergartenarbeit auch in Zukunft ein wesentlicher Pfeiler unserer Gemeindearbeit bleibt.

 

Anfang der 1950er-Jahre muss nach und nach die Idee entstanden sein, “für unseren Bezirk eine eigene Kirche” zu bauen. Aber es war ein schwieriger Weg dahin. Erst “nach längeren Verhand­lungen im Sommer 1955 beschloss des Gesamtkirchengemeinderat den Bau der Kreuzkirche” (Pfr. Lutz). Im Rückblick klingt das wohl viel einfacher, als es tatsächlich war:

Ruth Stiegler, damals und lange Jahre Mitglied im Kirchengemeinderat, eine der Gründungs­mütter der Kreuzkirchengemeinde und bis heute Gemeindeglied, beschrieb diese Phase immer wieder einmal so: “Wir mussten uns unsere Kirche erkämpfen”. Dazu gehörte auch die Ver­pflichtung für die Gemeinde, selber “für die ganze Innenausstattung” aufzukommen. Was diese Aufgabe zehn Jahre nach dem Krieg bedeutete, kann kaum ermessen, wer diese Zeit nicht aus eigener Erfahrung kennt. Jedenfalls ist es nicht verwunderlich, dass bei der Einweihung Landes­bischof Haug von einem Kirchenbau sprach, der “voll Not und Mühe war”. Was lernen wir daraus über unsere Gemeinde? Doch wohl das: Mutige Entscheidungen prägten die Geschichte der Kreuzkirchengemeinde also schon zu einer Zeit, als sie noch Leonhard II war. Das ist beides - Verpflichtung und Ermutigung!

 

Danach engagierten sich viele Gemeindeglieder - und sie machten die Erfahrung, die wir heuti­gen Kreuzkirchler über 50 Jahre später im Blick auf viele Eigenleistungen und Spenden nur bestätigen können: “Diese Mitarbeit der Gemeinde hat gewiss viele in eine engere Verbindung mit den andern und mit dem Gotteshaus gebracht. Und wir können nur von Herzen für soviel Liebe und Opferfreudigkeit danken, die dabei ans Licht gekommen ist” - die Worte von Pfarrer Lutz stimmen auch in unserem Jubiläumsjahr. Und es kann uns als Kreuzkirchengemeinde im Jahr 2008 durchaus stolz machen, dass wir die von den mutigen Müttern und Vätern der Gemeinde begonnene Geschichte um einen wichtigen, ebenfalls mutigen Schritt in die Zukunft bereichern, wenn wir 52 Jahre nach der Grundsteinlegung (6. Mai 1956) das neue Gemeindezentrum Kreuzkirche einweihen. Bis zum Jahr 1959 waren 135 000 DM an Spenden zusammen ge­kommen, daneben hatte Karl Danzer mit “Holz für Bänke, Deckenplatten, Kanzel und Kreuzi­gungsgruppe” großzügig den Bau gefördert.

 

Am 25. Juli 1956 war Richtfest. Und auch das war damals schon so: “Die Kinder unseres Kindergartens hatten in dieser ganzen Zeit ja die einzigartige Gelegenheit, an diesem Bau teilzunehmen. Und es entwickelte sich zwischen ihnen und den Bauarbeitern eine rege Freund­schaft”. Auch in diesem Jahr waren unsere “Kindi-Kinder” eifrig dabei und begleiteten die verschiedenen Gewerke. Unterschied zwischen 1956 und 2008? Inzwischen herrscht Helm­pflicht auf einer Baustelle.

  

Und noch einen Unterschied habe ich festgestellt: 1956 wurde diese “rege Freundschaft” zwischen Kindergartenkindern und Baurbeitern gekrönt von der “Feier des 60. Geburtstags des Capos J. Werz” - von einem ähnlichen Anlass habe ich leider nichts gehört. Dafür haben die Kinder den Bauarbeitern in den letzten Monaten regelmäßig Vesper gebracht.

 

Der Bau des Kirchturm war zunächst zurück gestellt worden. 1956 genehmigte der Gesamtkir­chengemeinderat aber auch den Turm und so wurde er 1957 gebaut. Zur Finanzierung der Turmuhr “stiftete die Stadt dazu sogar einen Betrag von 4000 DM” (das waren noch Zeiten!). Anderes - etwa die Teeküche im UG oder “die Höranlage” -  konnte erst später verwirklicht werden. Und: Auch Glocken und Orgel fehlten noch.

 

Der Pfingstsonntag 1957 war der Tag der Einweihung. Vom Gemeindehaus Bethanien ging ein festlicher Zug hinüber in die Kreuzkirche. Vor der Tür übergab Architekt Manfred Wizgall, selbst Kirchengemeinderat in der Kreuzkirchengemeinde, die Schlüssel an Dekan Macholz, dann zog die Gemeinde zum ersten Gottesdienst ein. “Abendmahls- und Taufgeräte wie die 7 Leuchter wurden mit Schriftworten an ihren Platz gebracht”, es wurde festlich gesungen und musiziert, der damalige Landesbischof D. Martin Haug predigte und drei Kinder wurden getauft.

Der zweite Teil der Einweihung mit Grußworten und dem Bericht des Architekten fand erst am Nachmittag statt. Und noch etwas war bei der Einweihung damals anders: “Dekan Lang und Pfarrer D. Frohnmeyer”, so wird berichtet, “erzählten aus der alten Zeit”.

 

In den darauf folgenden Jahren gab es jährlich etwas zu feiern: Durch großzügige Spenden war es möglich, im September 1958 die vier Glocken einzuweihen und an Pfingsten 1959 die Orgel.

 

Danach dauerte es etliche Jahre bis zur nächsten Einweihung. Und die Entwicklung ging weiter.  Bischof Haug hatte in seiner Predigt zur Einweihung davon gesprochen, “das Größte, was wir für diesen Bau erbitten und erwarten dürfen, dass er nun noch einmal zum Bauplatz werde, zum Bauplatz für Gottes neues Bauen durch seinen Baumeister, den heiligen Geist.” Schwierig, das zu beurteilen - aber dankbar festhalten können wir: Vieles ist gewachsen und geworden in unserer Kreuzkirchengemeinde. Viele Menschen - Junge und Alte und viele dazwischen - haben in Gottesdiensten und Bibelstunden, bei Gemeindefesten und verschiedensten Begegnungen, in Gruppen und Kreisen, beim Singen und Spielen, in Kinderbibel- und Kinderferienwochen erlebt, dass und wie “Got­tes neues Bauen” uns Menschen bereichert und Gemeinde wachsen lässt.

Viele dieser guten Erfahrungen verbinden sich auch mit den beiden Gemeindezentren, deren Bau weitere Meilensteine in der Geschichte unserer Kirchengemeinde waren.

Die Kreuzkirchengemeinde war von Anfang an eine große Gemeinde - und sie wuchs weiter. Bei der Gründung hatte “die Kreuzkirche” 4500 Gemeindeglieder, 1967 waren es ungefähr 5900. Dem entsprechend gab es bald eine zweite Pfarrstelle - zunächst ab 1960 als ständiges “Paro­chialvikariat”, später als ständige Pfarrstelle.

 

Gemeindearbeit veränderte sich. Die Stadt veränderte sich - auch geprägt durch Verkehr und Straßen. Aufgrund solcher Veränderungen muss die Idee entstanden sein, in einer Art "Großgemeindeversuch" das Wohngebiet Bloßbuckel - zwischen Gustav-Schwab-, Konrad-Adenauer- und Alteburgstraße - und die damaligen Anfänge des Hohbuch zu einem dritten Gemeindebezirk der Kreuzkirchengemeinde zu machen.

 

In der kirchlichen Bau-, Struktur- und Personalplanung jender Zeit lief offenbar manches parallel oder - je nach Perspektive - durcheinander. 1969 wurde ein großes Gemeindehaus für die Christuskirche in der Herderstraße beantragt (ursprünglich war eine Pfarrhaus mit Gemeindesaal in der Kantstraße 50 geplant). Dann kam es aber ganz anders: Im Januar wurde die Pfarrstelle "Christuskirche Süd" als 3. Farrstelle an die Kreuzkirche verlegt. Und in der Herderstraße 60 entstand eine kleineres Gemeindezentrum mit Pfarrwohnung [das heute als Wohnhaus genutzt wird]. Ab Mai 1973 war Pfr. Dr. Walter Göggelmann der erste Seelsorger im Bezirk "Kreuzkirche III". Die Kreuzkirchengemeinde wurde so zu einer "Großgemeinde" (Frau Stiegler) mit vier Predigttstätten und war zeitweise die zahlenmäßig größte Kirchengemeinde in unserer württembergischen Landeskirche.

 

1984 wurde die Hohbuchgemeinde selbständig. Für die nächsten 20 Jahre hatte die Kreuzkirchengemeinde drei Pfarrstellen und drei Standorte.

 

Konzeptionell gewollt ding die Kirche in Reutlingen "in die Fläche" - auch ins Ringelbachgebiet. Und das 1974 als "GZ Ringelbach" eingeweihte, seit 1985 "Martin-Niemöller-Haus" genannte Gemeindehaus in der Hans-Reyhing-Str. 7 war prägend für die Gemeindearbeit der letzten Jahrzehnte: stellvertretend für vieles seien das Asylcafé, der im September 1981 gegründete "AK Frieden", viele Herbst- und Gemeindefeste, die Kinder-, Jugend- und Familienarbeit und die "Mosaik"-Gottesdienste genannt.

 

Die Räume dort - im Bezirk Kreuzkirche II und ebenfalls mit Pfarrwohnung - waren eine dringend notwendige Ergänzung zu den Räumlichkeiten der Kreuz­kirche und ermöglichten Formen der Gemeindearbeit, die beim Bau der Kirche noch nicht im Blick sein konnten.

Die Erfahrung, dass kirchliche Bauten sich verändern, weil Gemeindearbeit und -angebote sich verändern ist keine neue Erfahrung - sie prägt die Kreuzkirchengemeinde von Anfang an und bis heute. Viele Gemeindeglieder verbinden mit den verschiedenen Gebäuden - Kreuzkirche, “NieMö” und “der Herderstraße” - viele persönliche, zT prägende Erlebnisse.

Entsprechend groß ist - verständlicherweise - die Trauer, dass es nicht möglich war, die Gebäu­de zu halten. Das “Er-Innern” hängt an den Räumen und vieles wird wieder lebendig in densel­ben Räumen. Für den einen sind es die Gottesdienste an Tischen im Martin-Niemöller-Haus, die andere erinnert die Bibelstunde in der Herderstraße, wieder andere verbinden die inzwischen 10-jährige Geschichte der Mosaik-Gottesdienste mit dem “NieMö” oder Kinderbibel- und Kinderferienwochen. Klar, dass der Verlust der Räume und ihrer Möglichkeiten mit den Er­innerungen zugleich Abschiedsschmerz hervorruft.

 Es wäre jedoch ein Missverständnis, die Aufgabe der Häuser als Kritik an der Gemeindearbeit der letzten Jahre und Jahrzehnte zu deuten. Das leitende Interesse des Kirchengemeinderates war es, auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Räume zur Verfügung zu haben, die zeitgemäße Gemeindearbeit ermöglichen. Aber auch diese Überlegungen waren ja nicht der Ausgangspunkt aller Gebäudediskussionen.

Alle Überlegungen zu einer Gebäudediskussion hatten ihren Anfang in der absehbaren finanziel­len Situation der Gesamtkirchengemeinde: Viele Gebäude waren in mäßigem bis schlechtem Zustand, die Rücklagen für Renovierungen in den zurückliegenden Jahr(zehnt)en nicht gebildet. Die Zahl der Evangelischen ist - der demografischen Entwicklung in Stadt und Land entspre­chend - rückläufig und ebenso werden wir als Kirche in Zukunft immer weniger Geld zur Verfü­gung haben.

Diese äußeren Rahmenbedingungen in der Gesamtkirchengemeinde haben 2002 zu einer grundsätzlichen Diskussion über die Gebäude geführt. In unserer Kreuzkirchengemeinde verband sich die Diskussion mit einigen wesentlichen inhaltlichen Fragen:

Wie schaffen wir es, in den drei Bezirken unserer Kreuzkirchengemeinde, die als deutlich unterschiedene Bezirke (zB “Ich gehöre zur Herderstraße”) wahrgenommen werden, ein Zu­sammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln und ein Bewusstsein dafür, dass wir eine Gemeinde sind? Was müssen wir tun, um mehr Begegnungen zwischen den Generationen zu ermöglichen? Welche Voraussetzungen braucht es, dass wir in der Kreuzkirche wieder regelmäßige Kinder­gottesdienste parallel zu den Gottesdiensten anbieten können?

Dazu kam, dass die Kreuzkirche inzwischen dringend sanierungsbedürftig war (unser Landes­bischof July nennt in seinem Grußwort die Zahl 30 Jahre für grundlegende Renovierungen): Die Toiletten und die Küche im Untergeschoss waren längst nicht mehr zeitgemäß - sowohl ihrer Lage als auch ihrer Ausstattung nach. Rollstuhl- und kinderwagengerechte Zugänge gab es nicht.

 

All diese verschiedenen Themen und Gesichtspunkte zusammen haben ab dem Jahr 2002 ein sehr grundsätzliches Nachdenken angestoßen. Jeder Schritt war Neuland - stärker als die Angst vor grundsätzlichen Entscheidungen war sicherlich die Angst, irgendwann aufgrund immer engerer finanzieller Verhältnisse eines Tage überhaupt nicht mehr handlungsfähig zu sein. Die immer wieder angesprochene Variante, nach dem Verkauf des “GZ Herderstraße” das Niemöller-Haus zu behalten und zwei Standorte zu nutzen, barg ein kaum kalkulierbares Risiko: ‘Was wird sein, wenn wir irgendwann zwei Gebäude nicht mehr (unter-)halten können - und uns entscheiden müssen zwischen Kreuzkirche und Niemöller-Haus, zwischen Gottesdienstraum und vielfältig nutzbarem Gemeindezentrum?’

 

Auch alle Kritiker dieser Idee, an der Kreuzkirche anzubauen und dafür das “NieMö” auf­zugeben, hatten und haben Befürchtungen: der Rückzug der Gemeindearbeit aus den Wohn­gebieten, speziell aus dem Ringelbachgebiet und dem Neubaugebiet auf dem ehemaligen Kasernengelände, nährt die Befürchtung, dass wir als  Kreuzkirchengemeinde so die Nähe zu den Gemeindegliedern verlieren und sie uns nicht mehr als Gegenüber erleben.

 

Ohne Übertreibung können wir sagen: “Beteiligung” ist ein wichtiges Stichwort in unserer Gemeinde. Nicht nur das Mitarbeiterforum steht dafür. Auch die angemessene Beteiligung der Gemeindeglieder im Blick auf die Entscheidungen in Sachen Gebäudekonzeption wurde immer wieder intensiv diskutiert. Die im Lauf dieser Diskussionen geborene Idee einer Gemeindebefra­gung, Ausdruck auch der Unsicherheiten und des Ringens im Kirchengemeinderat, wurde schließlich umgesetzt. Im Nachhinein sind sich fast alle einig, dass das - vorsichtig gesagt - keine glückliche Entscheidung war - und sicherlich kein Höhepunkt in der Geschichte unserer Ge­meinde.

Die Kirchengemeinderäte erhofften sich ein hilfreiches Meinungsbild auf der Basis einer Vielzahl von Stimmen aus der Kirchengemeinde. Dieses Ziel wurde nicht erreicht, wobei mehrere Gründe eine Rolle gespielt haben mögen. Fakt ist: Das GZ Herderstraße war bereits verkauft. Die Befragung wurde zum Teil - und mit entsprechenden Erwartungen - als Wahl verstanden. Die Beteiligung an der Befragung war mit 6% nicht sehr groß. Und zeitgleich zur Befragung stellte sich heraus, dass wir uns auf lange Sicht die beiden Standorte, genauer: deren notwendige Instandhaltung und Unterhaltungskosten nicht werden leisten können.

 

Das Ergebnis der Befragung? Von den Gemeindegliedern, die sich beteiligt hatten, antworteten ungefähr zwei Drittel, sie würden gerne das Martin-Niemöller-Haus behalten und die Gemeinde­arbeit an zwei Standorten ansiedeln. Das machte die Entscheidung erst recht schwierig, die Absicht der meisten Kirchengemeinderäte, das Ergebnis der Befragung ab einer Beteilung von ca. 15% als verbindlich anzusehen lief ins Leere. Es blieben die inhaltlich-konzeptionellen Argumente, die Risiken der unsicheren finanziellen Entwicklung und die Tatsache, dass nur ein kleiner Teil der Gemeindeglieder an der Befragung teilgenommen hatte, gegeneinander ab­zuwägen.

Die Entscheidung des Kreuzkirchengemeinderates für einen Standort an der Kreuzkirche, inklusive Anbau dort und Verkauf des Martin-Niemöller-Hauses stand aber unter dem Vorbehalt, dass der Gesamtkirchengemeinderat dem Konzept zustimmen würde. Dessen Entscheidung fiel nach kontroversen Diskussionen im Januar 2007.

 

Seitdem haben wir - ehrenamtlich Mitarbeitende und Hauptamtliche - viel gearbeitet: an dem mutigen Projekt “Gemeindezentrum Kreuzkirche”, mehr noch aber auf den verschiedenen Feldern der Gemeindearbeit. Denn wir wollen, dass dieses neue Haus mit Leben gefüllt ist.

Und wir wollen weiter daran arbeiten, dass wir den Weg weiter gehen, den die Mütter und Väter der Kreuzkirchengemeinde uns weisen: den Menschen in unserem Teil der Stadt Lebensraum, Heimat zu bieten und Raum für Glaubens-Erfahrungen in ihrer ganzen volkskirchlichen Breite.

 

Wie wir den Weg weiter gehen wollen und können, müssen wir in den kommenden Wochen und Monaten intensiv bedenken und diskutieren - etliche grundsätzliche konzeptionelle Fragen stehen an. Wir haben im Bereich der Diakonenstelle seit 2003 schmerzhafte Einschnitte erlebt und weitere personelle Kürzungen zeichnen sich im Pfarrdienst bereits ab für das Jahr, in dem der “Pfarrplan 2011" umgesetzt werden wird.

Was tun wir und was lassen wir? Dieselbe Frage und stellten sich auch die Mütter und Väter unserer Kreuzkirchengemeinde - und alle, die sich seit den Anfängen ehren- und hauptamtlich engagiert haben, suchten auf diese Fragen Antwort. Nicht immer haben sie “richtige” Antworten gefunden.

Meist haben sie - was blieb ihnen anderes übrig? - dennoch Antworten gewagt. Und das Risiko in Kauf nehmen müssen, dass sich die eine oder andere Entscheidung als falsch erweist. Und: Anders können Christen ihren Glauben nicht leben!

Seit 2000 Jahren erleben Christen, dass ihr Glaube nicht theoretisch, sondern praktisch ist. Und immer wieder erweist sich erst im praktischen Erleben, ob eine Entscheidung richtig ist und hält, was sie verspricht. Kann das allein aber ein Argument sein gegen mutige und vertrauensvolle Entscheidungen?

Gerade mit ihrem Mut zu scheinbar gewagten - oder sagen wir treffender: zu “vertrauensvollen” - Entscheidungen sind und bleiben die Gründermütter und -väter unserer Kreuzkirchengemeinde uns Vorbilder!

Wir haben einen mutigen Schritt gewagt, weil wir ihr Erbe erhalten und pflegen wollen. Getreu des herausfordernden Satzes: “Wer will, dass Kirche bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt!”

 

(das Jubiläumsheft ist erhältnich im Gemeindebüro, Paul-Pfizer-Str. 9, 72762 Reutlingen)

 

Weitere Meilensteine der jüngeren Geschichte

 

2009 Gründung des "Förderverein ZeitKreuzerle e.V." zur Finanzierung der Kinder- und Jugendarbeit mit dem Ziel einer Finanzierung von 50% der Diakonenstelle

2010 Einstellung von Diakonin Mechthild Belz (50% der Stelle finanziert der Förderverein)