Kreuzweg von HAP Grieshaber

Bilder aus der Kreuzkirche Reutlingen

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Biographie HAP Grieshaber

Helmut Andreas Paul Grieshaber wird am 15. Februar 1909 in Rot an der Rot geboren. Er war von pietistisch-frommer Herkunft und wurde evangelisch getauft.

 

Diese Jahre im Barock des katholischen Oberschwabens haben Grieshaber stark beeinflusst. Sein Vater war Geometer (Vermessungsingenieur) und hatte als Wohnung für die Familie einen Flügel eines säkularisierten Klosters gemietet.

 

Seine Schulzeit verbringt er 1915–1926 zuerst in Nagold und später in Reutlingen, wo er in den Jahren 1926–1927 auch eine Schriftsetzerlehre absolviert. Zwischen 1926 und 1928 studiert Grieshaber Kalligraphie in Stuttgart und setzt seine Studien von 1928 bis 1931 in London und Paris fort. Zwischen 1931 und 1933 führen ihn seine Reisen nach Ägypten, Arabien und Griechenland.

 

Zu Beginn der NS-Herrschaft wird er 1933 aufgrund seiner politischen Gesinnung mit einem bis 1940 andauernden Berufsverbot belegt. Er hält sich in dieser Zeit als Hilfsarbeiter in Reutlingen über Wasser. 1940 wird Grieshaber als Soldat in die Wehrmacht eingezogen. 1945 gerät er in einjährige Kriegsgefangenschaft und wird in Mons, Belgien interniert.

 

Während des Dritten Reiches bestand Grieshabers Verhältnis zur Kirche vorwiegend in der Liebe zum Gebäude der Marienkirche in Reutlingen. Zitat Grieshaber: „Da gab es die Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert. Ich tröstete mich mit dem gotischen Glück, die Institution könnte mir nicht helfen“. Der Pfarrer selbst predigte in dieser Kirche im SA-Hemd von der Kanzel. Grieshaber trat aus der Evangelischen Kirche aus, unabhängig von seiner tiefen Verbundenheit mit dem neuen Testament und seinem ungebrochen Glauben an Gott. Dies kommt in dieser Zeit besonders in seinen Werken u. a. zur Passionsfolge zum Ausdruck.

 

1947 kehrt er nach Reutlingen zurück und lebt und arbeitet von nun an der Achalm. 1950 wirkt er an der Neugründung des Deutschen Künstlerbundes mit. Zwischen 1951 und 1953 arbeitet er als Lehrer an der Bernsteinschule bei Sulz am Neckar und wird 1955 Nachfolger von Professor E. Heckels an der Kunstakademie in Karlsruhe, wo er bis 1960 bleibt.

 

In den 50er und 60er Jahren arbeitete Grieshaber an verschiedenen biblischen Themen. Er illustrierte eine Luther-Bibel, gestalte verschiedene Kirchen, u. a. in Nürnberg, Friedrichshafen, Eningen, Metzingen – um nur einige Orte zu nennen. Er pflegte Freundschaften zu einzelnen katholisch-kirchlichen Persönlichkeiten, deren Frömmigkeit und Kunstfreundlichkeit er schätzte. Seine Bibelkenntnisse waren groß und er fühlte sich der christlichen Botschaft verpflichtet. Er nahm aber bis zu seinem Tod keine verbindliche Beziehung mehr zur Institution Kirche auf.

 

Grieshaber erhielt zahlreiche nationale Preise und Auszeichnungen.

 

Am 12. Mai 1981 stirbt Grieshaber im Alter von 72 Jahren an der Achalm.

 

Die Entstehungsgeschichte des Kreuzweges

Im Herbst 1965 erhielt HAP Grieshaber einen Brief von dem Journalisten und Kunstkritiker Ulrich Seelmann-Eggebert:

 

„Sehr verehrter, lieber Herr Professor Grieshaber,

 

entschuldigen Sie bitte, daß ich nach unserem Telefongespräch mich nochmals an Sie wende. (…) es handelt sich um die Kirche im Bruchsaler Schloß, die nach der im Kriege erfolgten Zerstörung wieder aufgebaut wird. Architekt ist Lothar Götz. Ich halte ihn für einen der bedeutendsten Architekten der jüngeren Generation. Daher ging ich auch, was ich sonst nicht tue, auf seine Bitte ein, ihn bei der Auswahl der Künstler, die für die Ausgestaltung der Kirche geeignet wären, etwas zu beraten. Für die Gestaltung des Kreuzweges, der bei der Einweihung der Kirche bereits fertig sein müßte, haben wir an Sie gedacht.

 

Es sollten 14 Blätter zum Thema Kreuzweg sein.

Die Drucke könnten Sie nach beliebiger Zahl nach eigenem Ermessen verwenden, und nach erfolgtem Druck sollen die Druckstöcke sozusagen als Negative jener 14 Kreuzwegstationen aufgehängt werden. Das Honorar, so meinte Dr. Götz, könne von Ihnen vorgeschlagen werden, und wie er mir sagte, würde auch das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg, es außerordentlich begrüßen, wenn Sie sich zur Annahme dieser Aufgabe bereitklären könnten.“

 

Zu diesem Zeitpunkt war Helmut Andreas Paul Grieshaber 57 Jahre alt und als Maler, Holzschneider und Drucker international anerkannt.

 

Grieshaber nahm den Auftrag an.

 

Trotzdem überraschte ihn diese von kirchlicher Seite unterstützte Aufgabe, einen Kreuzweg für eine katholische Kirche zu schaffen. Denn Grieshaber war weder katholisch noch ein Kirchenkünstler. Es dauerte auch einige Monate, bis die Zweifel des bischöflichen Ordinariats an der religiösen Qualifikation von Grieshaber ausgeräumt waren.

 

1967 begann Grieshaber mit dem Thema des Kreuzweges.

 

Im ersten Schritt entstanden vierzehn Holzschnitte, die Grieshaber 1967 als Kreuzwegstationen schnitt. Sie wurden später Polnischer Kreuzweg genannt und waren die erste Annährung an den eigentlichen Bruchsaler Auftrag.

 

Wie kommt es zur Bezeichnung „Polnischer Kreuzweg“?

 

Grieshaber war ein politisch sehr wacher Zeitgenosse. Er verfolgte 1965 und 66 mit großem Interesse, was sich im Verhältnis zwischen Polen und der Bundesrepublik ereignete. Zu dieser Zeit wurde der deutsch-polnischen Vertrag ausgehandelt. Er fühlte sich dem leidgeprüften Volk der Polen seit langem verbunden und engagierte sich u. a. für den Bau einer Sühnerkirche in Auschwitz. In diesem Zusammenhang veröffentlichte er zur Unterstützung des Vorhabens ein Buch mit den gedruckten Kreuzwegstationen und einer Meditation von Stefan Kardinal Wyszynski, Primas von Polen. Diese 1. Auflage der Kreuzwege bezeichnete er deshalb „polnische Kreuzwege“, die Sie in unserer Kreuzkirche sehen können.

 

Um den Auftrag für die Schlosskirche in Bruchsal fertigzustellen schnitt Grieshaber zwei Jahre später die 14 Kreuzwegstationen noch einmal in deutlicher Annährung an den polnischen Kreuzweg. Diese 2. Auflage von 1969 ist in seinen Farbdrucken als „Kreuzweg der Versöhnung“ bekannt.

 

Quelle:

 

Magisterarbeit von Sigrid Gänzle, 1995, „HAP Grieshabers Kreuzwege im Spannungsfeld von Kunst und Kirche“.

 

Hinweise zum Holzschnitt

Der Holzschnitt ist eine graphische Drucktechnik, bei der ein reliefartiger hölzerner Druckstock verwendet wird. Als Ausdruck einer künstlerischen Idee wurde der Holzschnitt vor allem im 16. Jahrhundert und später von den Expressionisten verwendet.

 

Zur Herstellung des Druckstocks werden von einem glattgehobelten Holzbrett mit Schneidewerkzeugen und Messern die nicht zu druckenden Teile entfernt und zum Druck die erhabenen Partien eingefärbt und abgedruckt (Hochdruck). Der Abdruck erfolgt durch Handabreibung mittels eines Falzbeines oder unter Verwendung einer Buchdruckpresse.